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Antisemitismus:Die Geschichte eines Vorurteils
BeitragVerfasst am: 08.11.2005, 20:36 Antworten mit Zitat
Aviva
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Von Andrej Reisin, tagesschau.de

Antisemitismus ist eines der ältesten und doch aktuellsten Vorurteile gegenüber einer Gruppe: dem religiös oder ethnisch definierten Kollektiv der Juden. Den Begriff prägte ab 1879 der Journalist Wilhelm Marr, der sich so vom christlichen Antijudaismus absetzen und seiner Judenfeindschaft einen wissenschaftlichen Anstrich geben wollte.

Antisemitische Stereotype sind kulturell tief verwurzelt und finden sich nach jüngsten Forschungsergebnissen auch heute noch in allen Gesellschaftsschichten und Gruppen, unabhängig von Bildungsgrad und sozialer Zugehörigkeit. Es ist allerdings nicht so, dass derjenige, der antisemitische Stereotype verwendet, auch zwangsläufig Antisemit sein muss. Bei der Verbreitung antisemitischen Gedankenguts spielt weniger eine Rolle, ob die handelnden Akteure tatsächlich Antisemiten sind, sondern ob ihre Äußerungen antisemitische Klischees und Vorurteile bedienen. Diese werden in die öffentliche Diskussion eingespeist und damit salonfähig gemacht.

Ein Paradebeispiel dieser Art findet sich bereits im historischen "Berliner Antisemitismusstreit" von 1879: Damals veröffentlichte der liberale Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke einen Artikel, der die Juden angriff und ihnen vorwarf, ihr Verhalten provoziere den Ausruf "die Juden sind unser Unglück". Obwohl Treitschke ganz sicher kein gewalttätiger Antisemit war, machten die Nazis seinen Spruch 50 Jahre später zum Motto ihres Hetzblattes "Der Stürmer".

Auch in heutigen Debatten kommt es vor, dass jemand mit antisemitischen Klischees hantiert, ohne sich der Tragweite bewusst zu sein. Denn der gegenwärtige Antisemitismus kann auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken, die vom christlichen Antijudaismus über den Rassenantisemitismus der Nazis bis hin zu den heute aktuellen antisemitischen Weltbildern des radikalen Islamismus reicht.
Christlicher Antijudaismus

Bereits im Neuen Testament finden sich antijüdische Passagen, die sich aus der Konkurrenz zwischen der damals jungen jüdischen Sekte der Christen und der Mehrheit der Juden erklären lassen, die Jesus nicht als Messias akzeptierten. Der Hauptvorwurf der Christen: Die Juden seien mitschuldig an Leid und Tod Jesu Christi. Einige dieser antijüdischen Bilder finden sich auch heute noch im allgemeinen Sprachgebrauch: zum Beispiel wenn der Jünger Judas als Symbolfigur des Verrats benutzt wird.

Im Mittelalter bildeten sich auf Basis dieser religiös motivierten Feindschaft eine Vielzahl von Legenden heraus: So wurden die Juden beschuldigt, christliche Kinder zu ermorden, um ihr Blut für geheime Riten zu benutzen. Diese Ritualmordlegende verbreitete sich in ganz Europa und hat bis in die jüngste Zeit immer wieder zu Gewaltakten gegen Juden geführt. So wurden 1946 im polnischen Kielce 42 Juden im Zuge eines Ritualmord-Pogroms erschlagen und erschossen.
Soziale Deklassierung

Hinzu trat eine sichtbare Ausgrenzung der Juden: Seit dem späten Mittelalter mussten sie in vielen Städten Kleidung tragen, die sie als Juden auswies. Auch war ihnen der Zugang zu den christlichen Zünften und damit zu handwerklichen Berufen verwehrt. Dies führte zu einer Spezialisierung auf Handel, Gewerbe und Geldverleih, der den Christen wegen des Zinsverbots nicht möglich war.

Wiewohl die meisten Juden relativ bescheiden in engen Gettos lebten, brachten es einige als Geldgeber von Fürsten oder als Kaufleute zu erheblichem Wohlstand, was sie zur Zielscheibe von Neid und Missgunst machte. Aus dieser Zeit stammt das Klischeebild des "reichen Schacherjuden", der in Gelddingen besonders bewandert sei. Noch 1986 verwendete der Bürgermeister des niederrheinischen Korschenbroichs angesichts der leeren Stadtkasse das geflügelte Wort, zur Sanierung des Haushalts "müsse man ein paar reiche Juden erschlagen".
Moderner Antisemitismus

Im Zuge der Aufklärung wurden die Juden allmählich den Christen rechtlich und sozial weitgehend gleichgestellt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Juden in den meisten europäischen Ländern keiner direkten staatlichen Verfolgung mehr ausgesetzt. Als Gegenbewegung zur erfolgreichen Judenemanzipation entwickelte sich allerdings der moderne Antisemitismus, der in seinen verschiedenen Spielarten bis heute virulent ist.

Dieser verband - im Gegensatz zum Antijudaismus - verschiedene antisemitische Stereotypen miteinander und baute sie zu einem geschlossenen Weltbild aus. An der Schwelle zur Moderne entstand er als Abwehrreaktion auf einen als negativ empfundenen gesellschaftlichen Umbruch. Viele Menschen waren mit den abstrakten und für viele undurchschaubaren Prozessen, die mit der Entstehung von Kapitalismus und bürgerlicher Gesellschaft einhergingen, überfordert. Rasant entstehende komplexe Gesellschaftsstrukturen weckten das Bedürfnis nach einfachen Antworten. Für alles Negative wurde eine einzige geheime Macht verantwortlich gemacht, die im Dunkeln heimlich die Fäden ziehe: Die Juden.

Ebenfalls im 19. Jahrhundert hielt der Begriff der "jüdischen Rasse" Einzug in die Literatur. Anknüpfend an Rassentypologien aus der Tierwelt behaupteten pseudowissenschaftliche Schriften eine Ungleichheit von "Menschenrassen". Die "arische Rasse" stand dabei an der Spitze der menschlichen Entwicklung, war jedoch durch "Rassenmischung" und "Kulturverfall" bedroht. Angeblich tobte ein Endkampf zwischen Ariern und Juden, der mit dem Sieg der einen und der Vernichtung der anderen Rasse enden würde. Auf diese Rassetheorien gründeten die Nazis ihren rassischen Antisemitismus, der auf die Vernichtung aller Juden zielte und schließlich sechs Millionen Menschen das Leben kosten sollte.
Antisemitismus nach Auschwitz

Nach Ende des zweiten Weltkrieges schien der Antisemitismus zunächst vollkommen diskreditiert zu sein. Vor allem in Deutschland entwickelte sich im Laufe der Zeit allerdings der so genannte sekundäre Antisemitismus, der den Juden ihre eigene Verfolgung und Leidensgeschichte vorwirft. Gespeist vom Bedürfnis, die nationalsozialistischen Verbrechen zu verdrängen und sich der Verantwortung zu entledigen, äußert sich diese Form des Antisemitismus vor allem in Schuldabwehr.

Der Völkermord an den europäischen Juden wird entweder geleugnet ("Auschwitzlüge"), relativiert ("andere Länder haben auch Dreck am Stecken") oder es wird ein endgültiger Schlussstrich unter alle NS-Debatten gefordert. Eigene negative Gefühle wie Scham werden auf die Juden als Auslöser projiziert. Diese erscheinen im sekundären Antisemitismus als eine rachsüchtige äußere Instanz, die die "Moralkeule" oder "Auschwitzkeule" schwingt und die Deutschen nicht in Ruhe lässt. "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen", fasste der Psychoanalytiker Zvi Rex das Leitmotiv des sekundären Antisemitismus pointiert zusammen.
Das Chamäleon bleibt lebendig

Antisemitische Einstellungen und Stereotype sind historisch aus vielen unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlichen Gründen entstanden. Die religiöse Feindschaft des Christentums wurde im Mittelalter um eine ökonomische Komponente erweitert. Mit dem Aufkommen des Kapitalismus wurde dieses Vorurteil aktualisiert und mit einer rassistischen Ideologie aufgeladen. Diese Vorurteile existieren weiter und werden beständig aktualisiert, gegenwärtig zum Beispiel in den radikalen Flügeln des politischen Islam. Antisemitismus als Welterklärungsmodell ist wandelbar wie ein Chamäleon und bleibt daher bis heute ein nicht überwundenes Ressentiment

Stand: 06.11.2005 14:22 Uhr
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BeitragVerfasst am: 14.11.2005, 15:31 Antworten mit Zitat
H.
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Schöne Übersicht!

Ich nehm's einfach mal als Aufhänger...

Zitat:
Noch 1986 verwendete der Bürgermeister des niederrheinischen Korschenbroichs angesichts der leeren Stadtkasse das geflügelte Wort, zur Sanierung des Haushalts "müsse man ein paar reiche Juden erschlagen".


Eigentlich ganz beruhigend, daß das schon so lang her ist...
Sonst hätte ich es womöglich noch als Anspielung darauf verstanden, daß sich so etliche Immobilien im Ortskern - dem Vernehmen nach - fest in jüdischer Hand befänden. Wie sonst ließen sich auch die hohen Mieten erklären? Juden können nunmal gut mit Geld, pressen ihre Mieter gnadenlos aus und lassen lieber 80% ihrer Immobilien leer stehen, als mit dem Preis runter zu gehen. Wahrscheinlich, weil sich das so gut "rechnet".

Ich wäre boshaft, würde ich behaupten, daß sich die Rechenkünste der tiutschen Landbevölkerung seit Harlans "Süß" deutlich verbessert hätten...

Aber womöglich bin ich unfair. Womöglich klappt das inzwischen doch ganz gut, mit dem Rechnen. Nur manchmal eben nicht. Verständlich - hatten wir in unseren Landen doch auch schon eine (wenn nicht mehrere...) Führungskraft, die in finanziellen Dingen unter spontanen black-outs litt.

(Zynismus-Schalter nach Belieben)

=====

Aber da wollte ich gar nicht hin, sorry.

Ich wollte in einen ganz anderen Landkreis, in eine andere Umgebung, eine andere Zeit. Damals, als die Welt noch so wunderbar einfach war.

Mediaevistik hab' ich da "gemacht". Mittelalterliche Texte gelesen, die man ganz gut begreift, wenn man sich ein wenig in jenes mönchisch dominierte Weltbild einliest. War ganz spannend. Aus irgendeinem Grund verschlugs dann meinen Prof und seine Jünger in die HAB (Wolfenbüttel).

Ich weiß nicht mehr, in welchem Bereich der Bibliothek wir wühlten. Zuständig war jedenfalls ein Prof. X.Y., freundliches Grinsen war angebracht - wir brauchten halt Zugang zu ein paar Quellen. Und da kennt der angehende Wissenschaftler nix, jeder Trick ist erlaubt. Der Kampf in Biliotheken erfordert eine gewisse Routine in Guerilla-Taktiken.

Unser Prof war ein Meister im Erkennen der Empfindlichkeiten des Gegners (Empfindlichkeiten sind natürlich nur jene, deren versehentliche Berührung den Zugriff auf die Quellen erschwert). So wurden wir vergattert, um höflichste Umschiffung der deutschen Vergangenheit und des Nahen Ostens gebeten, denn, oh Graus, auf "unseren" Quellen saß ein (*räusper* *flüster*) "Jude".

"Nun, meine Damen und Herren, ich bin da ja nicht weiter vorbelastet, aber Sie wissen ja - verschwörerische Pause - 'die' sind da was empfindlich".
Gefolgt von einem tiefen Blick in meine unschuldigen Augen (oder meine große Klappe?)

Wie auch immer. Das erste Treffen brach an, der Typ schneite rein, war "ganz normal" (auch die Nase) und obendrein ausgesprochen humorig. Nach dem Austausch der üblichen akademischen Verschwurbeltheiten kam er zum praktischen Teil: Essen können Sie da und da, sehr gut, sehr günstig. Oder da. Auch sehr gut und auch sehr günstig.

(Das war definitiv vor der Geiz-ist-geil-Welle)

Jedenfalls hab' ich den Kerl in die passende Schublade gesteckt: Nett, aber ein bißchen kurios.

Es ging dann im üblichen Stil weiter. Abends noch ein gemütliches Beisammensein mit unserer speziellen Betreuerin A.A. und einem weiteren Großkopfeten. "von Hanstenichgesehn". Ich stritt mich mit A.A. über Dylans Konversion zum Christentum, von Dingsbums guckte pikiert, und in Ermangelung von gescheiten Getränken plünderten wir den Weinkeller.

von H., alter deutscher Adel, präsentierte am nächsten Tag die Rechnung. Selbstverständlich nur, was wir zusätzlich zum Begrüßungsschluck verzehrt hatten.

Smile Smile Smile

Hin und wieder hatte ich noch in der HAB zu tun. A.A. hat mich immer irgendwo untergebracht. Abends haben wir zusammengehockt und "geplaudert". Über "Gott und die Welt", halt.

"Guck' mal, das ist meine Bestecksammlung. Du weißt doch, alle Juden sammeln Silber."
(Ich hab' ein bißchen irritiert geguckt. "Was soll der Quark? Halt's Maul, Junge" dachte ich mir da.)

Irgendwann erzählte sie mir von Ihrem Besuch in Dachau. Ihre Eltern sind da beerdigt. Es war ein Abend, an dem wir eigentlich nur wenig geredet haben.

=====

Eine gute Weile dachte ich, "da werden also auch Vorurteile kolportiert". (Was ich übrigens immer noch nicht generell ausschließen würde - aber das ist eine andere Baustelle...)

Erst viel später dämmerte mir, daß Prof XY bei seinem Hinweis auf den preisgünstigen Italiener doch ein verdammt ironisches Grinsen im Gesicht hatte. Und daß A.A., als ich brav ihre Silbersammlung bewunderte, auch ein wenig "eigen" guckte. (Vielleicht hab' ich ja doch nicht "irritiert" geguckt. Womöglich konnte man mir das "Samma, geht's noch?" doch vom Gesicht ablesen.)

=====

Sorry, ist was lang geworden.

Aber ist ja auch schon lang her, daß ich einige Aspekte des deutsch-jüdischen Verhältnisses ...

Ach was....

=====

Edit: Teppfihler. Wird womöglich ohne weitere Geständnisse fortgesetzt Wink
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BeitragVerfasst am: 15.11.2005, 07:55 Antworten mit Zitat
angel
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Hal,
Du hast bei Deiner Anrede an Edith zum Schluß aber das "Ätsch" vergessen Wink

Herzlichen Dank für Deinen Beitrag, der das Thema ja um subjektive Erfahrungen erweitert.

Ich werde dazu auch bald was Schreiben..., brauche aber noch etwas Zeit...
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BeitragVerfasst am: 15.11.2005, 15:05 Antworten mit Zitat
H.
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"Edith" ???? *grübel* Autsch - das ist doch der advocatus diaboli life...

=====

Bei den beiden oben erwähnten Juden bin ich ziemlich sicher, daß ich zuerst die Ironisierung antisemitischer Vorurteile nicht begriffen habe.

Schwieriger finde ich dies:
Wegen seiner rechtsradikalen Gesinnung hat der Vorstand der Yehudi Menuhin Stiftung seinen Vorsitzenden Gerard Menuhin des Amtes enthoben. Der Sohn des weltberühmten jüdischen Geigers hatte regelmäßig eine Kolumne in der "National-Zeitung" verfasst.

(Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,384677,00.html - Bitte ganz lesen!)

Mich interessiert in diesem Zsh. die Frage, in welchem Maße antisemitische Vorurteile womöglich auch von Juden verinnerlicht wurden(/werden).

Ich kann nicht beurteilen, ob sich diese Frage "heute" schon stellen läßt. Irgendwann habe ich begriffen, daß es wohl einige Generationen braucht, bis "man" gewisse Fragen einigermaßen unbelastet stellen kann.

Mit Blick auf mein Alter (Baujahr 54) kommt diese Frage also deutlich zu früh. Ich gehöre gerade mal zur ersten Generation der "glücklichen Nachgeburten" Very Happy .

Wenn ich den einen oder anderen Beitrag z.B. im JF richtig interpretiere, ist inzwischen ohnehin die noch glücklichere Generation der "wat-geht-mich-dat-an-äih-Generalisten" herangewachsen.

Womöglich reiben die sich an den "Pfui-böser-Antisemit-Gutmenschen".

Die Debatte über den Antisemitismus bliebe in dem Augenblick auf der Strecke. Unterm Strich dann wohl auch die Aufklärung über antisemitische Vorurteile. Sie würden schlicht tabuisiert. Und dann - womöglich non-verbal - brav an die nächste Generation weitergegeben. Ich meine in der taz wäre ich mal über "Großvater war kein Nazi!" gestolpert... Falls jemand dazu links hat (nicht zur taz, es gibt da mehr) - besten Dank im Voraus!!!

Kurz Wink : Ich frage mich, wie (und wo) antisemitische Vorurteile kolportiert werden. Und dazu gehört auch die Frage, warum sich ein Ostermann (???) Arafat oder ein Menuhin dem rechten Lager anbiedert.

Sollte irgendwem das Thema zu heikel sein - und sei es nur aufgrund der Befürchtung, unsere ewigen Antisemiten könnten sich hier bedienen - ich bin jederzeit bereit, den Beitrag "gesundzuschrumpfen". Oder eben dies seitens der Administration zu akzeptieren.

LG, H.

Nachtrag: ... Kleinkram editiert ...

*grübel*

Vielleicht doch nochmal anders:

Sicherheitshalber: Nein, die Juden sind nicht "selbst schuld"... Wink

Ein anderes Beispiel:

Es gab da mal jenen Herrn, dem es mißlang, sich wieder in seine Partei einzuklagen. Ich bedaure das - womöglich.
Jener Herr hielt einst eine Rede. Diese Rede strotzte von antisemitischen Vorurteilen und von Rechtfertigungskapriolen. Hier und da wurde das thematisiert.
Unterm Strich lief aber die Diskussion hinaus auf: "Antisemitische Rede" ==> "Antisemit" ==> "Weg damit" ==> "Wir sind unschuldig".

Ob jener Herr den Titel "Antisemit" verdient - ich kann es nicht abschätzen. Dazu fehlen mir einfach zu viel Informationen.

Aber was die Diskussion der kolportierten Vorurteile angeht, da möchte ich meinen, sie hätte nicht stattgefunden.
Abgesehen von "dat iss ja wohl antisemitisch, äih".

Was das "womöglich" oben angeht:
Ich mag keine "Bauernopfer". Sie dienen in der Regel nur der Ablenkung.


Zuletzt bearbeitet von H. am 15.11.2005, 15:51, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 15.11.2005, 15:33 Antworten mit Zitat
Aviva
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Hallo H.,

ich danke Dir für diesen sehr informativen Link.
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BeitragVerfasst am: 15.11.2005, 16:54 Antworten mit Zitat
H.
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Hi Aviva,

Der link war mir ganz und gar kein Vergnügen.

Eine Randerscheinung. Womöglich ein Assimilationsphänomen.
Mit langer Geschichte.
Wenn ich mich recht entsinne hat die Jüdische Rundschau, dieses kuriose Blättchen einer noch kurioseren innerjüdischen Gruppierung [ Smile Smile Smile ] schon in den 20ern einem gewissen Jakob Wassermann seine deutlich artikulierte Abneigung gegen irgendwelche aus dem Osten eingewanderten armen Schlucker sehr erbost unter die Nase gerieben.

Aber es wäre wohl boshaft zu behaupten, der olle Wasermann hätt's mehr mit dem deutschen Reich als den Ostjuden gehabt. Er war da nicht mehr der jüngste. Wie las ich so schön-naiv irgendwo:
Jakob Wassermann blieb die Gnade eines frühen Todes. Er starb am 1. Januar 1934, zehn Monate, nachdem der Ungeist, mit dessen Erforschung und Beschreibung der Schriftsteller sein Leben zugebracht hatte, in Deutschland auch formal zur Macht gelangt war. ( http://www.br-online.de/bayern-heute/thema/juden-in-bayern/lebenslaeufe-wassermann.xml )
Den Rest von dem Gesülze hab' ich nicht mehr gelesen...

Nix gegen Wassermann. Ich hab' ihn gern gelesen und würde ihn auch jederzeit empfehlen. Aber er ist ein Vertreter des assimilierten Judentums jener Zeit. Er steht für die Mehrheit der deutschen Juden, sicher.

Aber er steht nicht für "die Juden" (in Deutschland). Er steht nicht für die Habenixe aus dem Osten, die einen sicheren Hafen nach den Pogromen suchten, ihn aber da, wo er zu vermuten gewesen wäre, nicht fanden. Und er steht auch nicht für diese kuriosen Spinner (Vorsicht, Zeitsicht), die den rettenden Hafen in einem obskuren "Basler Programm" zu finden meinten.

Very Happy

=====

Wie gesagt, nix gegen Köbi. Weitgehend vergessen ist er trotzdem.
Womöglich zu recht. Wen interessiert schon deutsch-jüdische Geschichte. Da könnte man ja auch gleich jiddisch - ach du grüne Neune, jetzt verhaspel ich mich schon wieder. Beinah hätte ich was zum ersten Lehrstuhl für Jiddisch im besten aller Länder gesagt. Smile Smile Smile

=====

Wo war ich stehen geblieben???

Ach ja, bei Köbi.

Und womöglich bei dem Hinweis, daß man "Mein Weg als Deutscher und Jude" vor "Kein Weg als Deutscher und Jude" lesen sollte.

Very Happy
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BeitragVerfasst am: 16.11.2005, 02:23 Antworten mit Zitat
SansPapiers
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Zitat:

Mich interessiert in diesem Zsh. die Frage, in welchem Maße antisemitische Vorurteile womöglich auch von Juden verinnerlicht wurden(/werden).


Ave, HAL,
was für ein langer & schöner Beitrag, der Dir ( in stiller Stunde? ) entfleuchte -
viel besser als der übliche Hinweis auf die "andere Baustelle".

Zu Deiner obigen "Interessenlage", die Frage nach der Verinnerlichung (auch) jüdischerseits :
Ich glaube schon (dass dem so ist);
es mag identitätsstiftend sein, "special-Eingenarten" nicht nur herauszubilden, sondern diese auch zu kultivieren.

Du sammelst kein Silber ??? Nicht einmal silberne Löffelchen ??
Ach, HAL, ich hätte Dich doch auf einer anderen Baustelle vermutet Wink
Möglicherweise fehlt Dir nur die ideell passende (oder besser: adäquate) Kopfbedeckung für die "Hard-Head-Area".

Come in and find out !
Nutze die Erfahrungen derjenigen, die in eine andere Identität spaßeshalber versetzt durch die Welt torkelten und bemerken wollten / mußten,
wie different die vorurteilsvolle Umwelt wahrgenommen werden kann.

Nicht 'Wilkomirski' läßt grüßen -
(nein, nicht pathologisch)
nur der Versuch der selektiven Wahrnehmung !

Im übrigen verweisen ich auf Alphons Silbermann,
der 80 jährig über "Die Kunst der Arschkriecherei" schrieb.
Und Jahrzehnte vorher über das "Vorurteil".
Optimistisch hinsichtlich der Beseitigung war er nicht.

Wenn Du, HAL, über silberne Löffel fabulierst,
liegt doch A.Silbermann sehr nahe, oder ?
Nomen est omen - nicht wahr ? Wink

LG

SansPapiers


Grüße an alle alten Hasen.
(Anita bequatschte mich nachmittags u. angel schon am Wochenende, ich solle mal reinschauen ins Forum-International. Ein kleines Chambre Separée des JF ?
Hoffe, man heißt mich wilkommen) Wink
BeitragVerfasst am: 16.11.2005, 05:19 Antworten mit Zitat
Aviva
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Hallo H.,

als ich mir den Bericht durch las,konnte ich eigentlich nicht glauben was dort zu
lesen war.Ein schwer verdaulicher Bericht.

Hallo SansPapiers,

weshalb solltest Du hier nicht willkommen sein?
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BeitragVerfasst am: 16.11.2005, 21:16 Antworten mit Zitat
angel
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Liebe/r Sans-Papier, kiss.gif

es freut mich sehr, Dich hier zu lesen und vielleicht hin und wieder auch mit Dir hier etwas zu "Papier zu bringen" (btw: liebe Grüße von Rudi, der gerade neben mir sitzt und souffliert Wink). Im Gegensatz zum jf herrscht hier eine gediegene und angenehme Salonatmosphäre vor Smile.

Rudis Aufmerksamkeit ist nicht entgangen, daß ich - seitdem ich das JF wieder lese, wieder angefangen bin zu rauchen Sad ... Es sieht so aus, als müßte ich mir nicht nur das Kaffee trinken, sondern auch das Lesen vom JF parallel "entziehen" ...

Der Rothaar-Jagdhund wurde übrigens in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Jagdrevier vertrieben... Sad

Mir ist bewußt geworden, daß ich subjektiv zum Thema mehr direkt erzählen kann. Z.B. hatte ich vor einigen Jahren das Glück, den Fotografen und Mitbegründer von "One By One", Clemens Kalischer kennenzulernen, der mich nach meiner Konfrontation mit dem Holocaust/der Shoah fragte. In seiner Anwesenheit kam plötzlich meine Kindheit und die Auseinandersetzung zum Thema wieder hoch und lief mittels bewußter Erinnerung ab, wie ein zusammenhängender Film. Ich war ein kleines Kind und guckte mir im Fernsehen einen Film über die Massenvernichtung (ggf. Ambulans/Ambulanz von Janusz Morgenstern bzw. Ausschnitte daraus) an. Ich war 6 Jahre alt. Bei den Szenen schrie ich das ganze Haus zusammen und habe mir dabei geschworen, "nie groß zu werden, weil nur die Großen sowas machen." Anschließend wurde meine Mutter (...wer auch sonst..?...) beschimpft, daß sie mich das hat angucken lassen...
Nun wißt Ihr auch, warum ich ein "enfant terrible" geworden bin... ironie

Ironieangel beiseite: Zum Thema der deutschen Vergangenheit(sbewältigung) gibt es ein neues Buch vom Aufbau-Verlag, das ich mir demnächst kaufen werde:
Hannes Heer, Hitler war´s´. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit"

LG,
angel


Zuletzt bearbeitet von angel am 05.12.2005, 21:09, insgesamt 5-mal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 16.11.2005, 21:27 Antworten mit Zitat
Anita Spira
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Ja, hallo, lieber Sanspapier! Was eine Freude dich hier zu lesen. ( Hab dich auch gut hergeführt Wink )

ganz liebe Grüße an dich,
Anita


Zuletzt bearbeitet von Anita Spira am 16.11.2005, 22:20, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 16.11.2005, 22:04 Antworten mit Zitat
angel
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Hi Hal,

das Spielchen und die Ironie mit den Klischees kenne ich auch. Ich kenne aber auch Familien, in denen die Töchter dazu angehalten wurden/werden, Silber für die spätere Hochzeit zu sammeln. Dafür gibt es ein komisches deutsches Wort: "Aussteuer" Very Happy.
Wenn Dir also noch einmal eine Dame etwas von ihrem Silber erzählt, könntest Du augenzwinkernd darauf anspielen, etwa mit (erschrocken guck): "Haben Sie sich etwa für mich 'ausgesteuert'" Wink.

LG,
angel
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BeitragVerfasst am: 17.11.2005, 17:42 Antworten mit Zitat
H.
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Sorry, bin im web z.Zt. was rar...

Hi Sans,
schön Dich zu lesen!
Solange es hier so ruhig bleibt, bin ich ganz optimistisch - bezogen auf die Antwort Wink

Angel,
ich bin aus dem Alter raus, in dem mir Damen von ihrem Silber erzählen Wink

Und A.A. wollte ganz was anderes wissen.

Liebe Grüße
an diesen freundlichen Haufen,
H.
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BeitragVerfasst am: 17.11.2005, 18:47 Antworten mit Zitat
H.
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@ Sans

Beitrag, der Dir ( in stiller Stunde? ) entfleuchte

Es scheint Sinn zu machen, hier(!), erst zu denken - dann zu schreiben. Smile

Zu Deiner obigen "Interessenlage", die Frage nach der Verinnerlichung (auch) jüdischerseits :
Ich glaube schon (dass dem so ist);
es mag identitätsstiftend sein, "special-Eingenarten" nicht nur herauszubilden, sondern diese auch zu kultivieren.


Ich fürchte, daß dergleichen tatsächlich eine Rolle spielen könnte. Aber auch bei zunächst ironisierender Sinngebung besteht die Gefahr, daß die Ironie auf der Strecke bleibt. Womöglich ein Grund mehr, das Phänomen "Antisemitismus" vom "Antisemiten" zu trennen. "Antisemitismus" scheint mir ein "Selbstläufer" zu sein. Und - ganz im Gegensatz zu Broders Position - bedarf es dazu noch nicht einmal eines Antisemiten. Was den Umgang mit dem Antisemitismus wahrhaftig nicht einfacher macht.

Du sammelst kein Silber ???
Nö, Sans, noch nichtmal Löffelchen.
Ich bin da eher praktisch veranlagt - im Sommer sammel ich Holz für den Winter Smile

Nutze die Erfahrungen derjenigen, die in eine andere Identität spaßeshalber versetzt durch die Welt torkelten und bemerken wollten / mußten,
wie different die vorurteilsvolle Umwelt wahrgenommen werden kann.


Ich weiß nicht, Sans, ob ich davon wirklich noch mehr sehen möchte.
Irgendwann wird's auch mal Zeit für die andere Seite. Letztens hatt ich in 'ner Schulung 'nen Knaben aus Ghana. Der verhielt sich einfach "ganz normal".

Woraus ich schließen möchte, daß sein Da-Sein (an seinem Arbeitsplatz) schon seit einer guten Weile für "ganz normal" gehalten werden dürfte. Sonst wäre er wohl entweder "zu leise" oder "zu laut" gewesen Wink

=====

Silbermann. Sagt mir nix. Scheint aber 'ne gute Idee zu sein. Schon wegen der Löffelchen...

Beste Grüße, H.
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BeitragVerfasst am: 17.11.2005, 22:18 Antworten mit Zitat
Robbi P.
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@ SansPapiers

Zitat:
Hoffe, man heißt mich wilkommen


Aber selbstverständlich doch.
Wink
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BeitragVerfasst am: 17.11.2005, 23:09 Antworten mit Zitat