| Anita Spira |
| Stammuser |


|
 |
| Anmeldungsdatum: 23.10.2005 |
| Beiträge: 433 |
|
|
|
 |
 |
 |
|
| Zitat: |
Nein,ich habe es nicht gelesen.
Anita,kannst Du es empfehlen? |
Ob es zu empfehlen ist? Jein. Wenn, dann eher für Historiker, die Wahres und Glorifiziertes oder gar Erlogenes unterscheiden können und nicht darauf reinfallen.
Kurz zum Buch:
Verfasst wurden " Hitlers Tischgespräche" nach 1945 von Dr. jur. Henry Picker. Aufgelegt 1951 vom Seewald- Verlag Stuttgart. Der Ullstein Verlag erwarb 1989 die Rechte und brachte es als unveränderte Fassung von 1975 heraus. 1969 hatte Picker es zum letzten Mal überarbeitet.
Henry Picker, der sich als absoluten Hitlerkenner gab, was bei einem damals 33 -jährigen unbekannten Mann unglaubhaft ist, war nicht der großartig geladene Gast bei Tisch seines Führers, er sprang nur für vier Monate ein, zwischen 21. März und 31. Juli 1942, da der etatmäßige Schreiber Heinrich Heim erkrankt war. Seine kurzfristige " Berufung" dankte Picker seinem Vater, Senator Daniel Picker (in Wilhelmsburg, bin mir da aber nicht ganz sicher), einem frühen Anhänger Hitlers und überzeugten Nationalsozialisten. Picker schrieb das Buch später nach original Notizen, die er sich als von Bormann offiziell bestätigten Schreiber am "Tisch" Hitlers gemacht hatte. (Ab 1944 übernahm die allgegenwärtige graue Eminenz, Martin Bormann, die Aufzeichnungen von Hitlers Geschwätz). Hitler selber war sehr dafür, seine "grandiosen Ideen sowie seine Genialität" der Nachwelt zu erhalten und darum stimmte er einem Schreiber bei Tisch gerne zu.
Zu kritisieren sind nicht die sicher authentischen Gespräche Hitlers, (seine Ansichten, die er zur obersten Weisheit erhob, die jedoch erbärmlich blamabel die typischen Bildungsmängel des Autodidakten zeigten), sondern Pickers eigene, stark rechtslastigen Kommentare. Kommentare, die er auch in den jeweiligen Überarbeitungen nie geändert hatte. Das sind in Kursierschrift gehaltene " Erläuterungen, "die oft eine ganze Seite im Buch einnehmen. Allgemeines ist durchaus richtig von ihm interpretiert, manches ist nur lächerlich, wie etwa, dass Hitler 1911 eine Lehre als Bildhauer abgeschlossen habe, er dreier Fremdsprachen mächtig war, er das Abitur mit Glanz bestanden habe und natürlich seine Eva über alles geliebt hat.
Gefährlich und geschichtsverfälschend sind Pickers Kommentare zur Judenausrottung. Sie grenzen hart an Verleugnung des Holocausts, verherrlichen Hitler und negieren dessen Verbrechen.
So hat nach Pickers nie revidierter Aussage das " Weltjudentum" 1939 Hitler den Krieg erklärt, darum waren –lt. Picker- die Juden der Hauptfeind Nr.1. Zum Novemberpogrom 1938 versteigt er sich gar zur Behauptung, Hitler wäre schärfstens dagegen eingeschritten- obwohl schon damals in Parteikreisen bekannt war, dass er am Abend des 9. November 1938 den Pogrom mit Goebbels abgesprochen hatte.
Auf den Seiten 17/ 18 (meine Ausgabe 1975) spekulierte Picker, ob Hitler tatsächlich von der Ausrottung wusste oder etwa nur Himmler und 89 Helfer? Unfassbar.
Sicher kannte Picker 1942 nicht das Ausmaß der Shoa. Doch sein Buch schrieb er 1951, als alle Welt von den Hitlerschen Verbrechen wusste, überarbeite es zwei Mal, und er schrieb noch immer von " nur"1, 8 Millionen Ermordeten ( um den Zweifel offen zu lassen, ob es denn nicht "noch" weniger waren). Um dann selbstherrlich zu schreiben: Ohne den Holocaust hätten die Juden keinen Staat Israel bekommen.
Beim Lesen des Buches hat man zudem immer den merkwürdigen Eindruck, einer gemütlichen Kafferunde beizuwohnen, bei der so fröhliche, nette Gäste geladen sind wie Himmler, Borman, Speer, der Euthanasie Arzt Rudolph Brand, Goebbels oder Göring.
Picker war bis zu seinem Tod ( 1979?) ein glühender Verehrer Hitlers, der zwar pflichtschuldigst den Holocaust verurteilte, jedoch ähnlich Speer, sich nie ganz von Hitler lösen konnte. |
|