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Roman Polanski hat Charles Dickens’ «Oliver Twist» neu verfilmt. Wie schon in früheren Verfilmungen der Geschichte bleibt die Figur des Fagin von jüdischen Klischees geprägt.
Von Eva Burke
Die Geschichte «Oliver Twist» von Charles Dickens erschien im Jahre 1838 in einer englischen Tageszeitung, und zwar, wie es damals üblich war, als Fortsetzungsroman. Seitdem gilt Fagin, die Hauptfigur des Romans, in der englischen Literatur als Prototyp des geldgierigen, grotesken und bösartigen Juden, der Waisenkinder zum Diebstahl verführt und ein Leben unter Prostituierten und Kriminellen in Londons East End führt. Das Buch ist rund 20 Mal verfilmt und für die Bühne inszeniert worden. Die neuste Verfilmung, unter der Regie von Roman Polanski und mit dem Oskar-Preisträger Ben Kingsley in der Hauptrolle, läuft am 22. Dezember in den Schweizer Kinos an. Fagin ist unter Charles Dickens’ Protagonisten wohl die lebendigste Figur. Sie wird in den ersten 35 Kapiteln des Romans nicht weniger als 257 Mal erwähnt, und zwar stets in abfälliger Weise und mit den üblichen antisemitischen Untertönen. Die übrigen Personen des Romans stehen Fagin zwar weder bezüglich ihrer negativen Merkmale noch ihrer Untaten in irgendeiner Weise nach. Allerdings wird zum Beispiel Sykes, ein niederträchtiger Halunke, nur als «Sykes» beschrieben – seine Religion steht nicht zur Debatte. Und es fragt sich deshalb, weshalb Charles Dickens, der, als er dieses Buches schrieb, noch gar keine Juden kannte, Fagin als eine solch unausstehliche Figur porträtierte. Darauf angesprochen, soll Dickens erwidert haben, dass «es leider zur Zeit, als ich Oliver Twist schrieb, so war, dass Kriminelle dieser Art unweigerlich Juden waren». Und wenn Juden tatsächlich an dieser Beschreibung Anstoss nehmen würden, so seien sie viel unvernünftiger, viel ungerechter und viel garstiger, als er es ursprünglich angenommen hätte. Etwas verschämt ob diesen Worten war Dickens dann anscheinend doch, denn er soll den Druck des Romans in der Hälfte aufgehalten und die Anzahl der schnöden Anspielungen auf Fagin in der noch nicht gedruckten Hälfte bedeutend reduziert haben. Als weitere Busstat entschloss sich Dickens, in seinem nächsten und wie sich herausstellte letzten Roman «Our Mutual Friend» eine der Hauptfiguren, Riah, mit ausgesprochen gütigen Zügen und einer weltoffenen Einstellung zu versehen. Riah distanziert sich auch ausdrücklich vom Antisemitismus. Erst 1860 hat Dickens übrigens den «ersten Juden» kennen- (und schätzen-) gelernt, und zwar war es der Käufer von Dickens’ eigenem Wohnhaus, ein «Jude, ein Geldleiher».
Englands damaliges Judenbild
Fagin hat sich jedoch bis heute zu einer fast mythischen Figur gewandelt, die ihren eigenständigen Platz als verhasste, mephistophelische Person bei dem englischen und später bei dem weltweiten Leserpublikum einnehmen sollte. Natürlich ist Fagin nicht allein. Ihm zur Seite stehen seine Vorgänger und Wegbegleiter, also Shakespeares Shylock und Marlowes monströser Jude von Malta, oder Barrabas in Chaucers «The Prioress’s Tale». Keiner von diesen entsprach einer eigentlichen Person aus dem Leben dieser Schriftsteller, waren Juden ja 1290 aus Grossbritannien verbannt und erst 1655 unter Oliver Cromwell wieder zugelassen worden. Doch dies hinderte die Schriftsteller des Landes offenbar nicht daran, die Juden fortan als durchtriebene, niederträchtige und fast teuflische Charaktere darzustellen.
Dickens brachte dem Leser dieses Judenbild mit seiner Beschreibung von Fagin ziemlich klar rüber: Fagins gebückte Haltung, seine grosse Nase und sein rotes Haar, in der knochigen Hand eine Gabel, sein Gesicht von Abscheu und Boshaftigkeit gezeichnet – all dies deutet auf eine Karikatur «des Juden» hin, die wir nur allzu gut aus den Darstellungen der Juden aus der Nazizeit kennen. So also zieht Fagin durch die dreckigen Gassen des East End und wirbt um das Vertrauen der unschuldigen christlichen Kinder, die er zum Diebstahl verführt und mit deren Hilfe er sich selbst bereichert. Es ist klar, dass die Botschaft dieses so erfolgreichen Buches sich allmählich bei den Lesern verfestigte und den Antisemitismus schürte.
Polanskis Version
Wie sollen nun Regisseure oder Schauspieler die Rolle des Fagin darstellen, ohne kontrovers zu sein, aber dennoch dem Roman treu bleiben? Zuerst war es 1922 Hollywoods Lon Chaney, der Fagin darstellte, und zwar als gruseliges Monster, das sogar den jungen Schauspieler, der in derselben Verfilmung auch den Oliver spielte, erschaudern liess. Dann folgte in David Leans Verfilmung der launische Alec Guinness, der 1948, in einem denkbar heiklen politischen Klima, den Fagin in all seinen «typischen» Zügen darstellte, was in Amerika prompt zensuriert wurde. Knapp 20 Jahre später folgte das weltweit erfolgreiche Musical «Oliver» mit dem jüdischen Schauspieler Ron Moody in der Hauptrolle: komisch, humorvoll und sogar kinderfreundlich, doch immer noch behaftet mit den herkömmlichen Charakterzügen, die den Antisemitismus schüren können. Kurz darauf spielte Richard Dreyfuss den Fagin als liebenswerten Kleinverbrecher, und Robert Lindsay stellte Fagin als tschechischen Zauberer dar. Aber wie steht es mit der jetzigen Verfilmung? Roman Polanski, der Regisseur, ist jüdisch und Holocaust-Überlebender. Seine Eltern waren ins Konzentrationslager deportiert worden. Auch Ronald Harwood, der Drehbuchautor, ist jüdisch, und Ben Kingsley, der den Fagin spielt, hat jüdische Vorfahren und ist für seine Darstellung von jüdischen Figuren berühmt: «Den gelben Stern trug ich auf drei verschiedenen Mänteln – als Simon Wiesenthal, als Otto Frank und als Itzhak Stern in ‹Schindlers Liste›», erzählt Kingsley. Dennoch verpasst es der Regisseur auch diesmal nicht, dem Fagin die Hakennase und die etwas gekrümmte Haltung zu geben, und ihn, obwohl er kein Käppchen trägt und nie als «Jude» bezeichnet wird, im Zimmer auf und ab gehen und «Ojojoj»
murmeln zu lassen.
«Oliver Twist» läuft ab 22. Dezember in Schweizer Kinos. |
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