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VON HAJO GOERTZ, 25.01.06, 21:17h
ROM. „Das Wort Liebe ist zu einem der meist gebrauchten, aber auch missbrauchten Wörter geworden“ stellt Benedikt XVI. fest. Gerade deshalb beschäftigt sich der Papst damit in seiner ersten Enzyklika, die gestern in Rom - übrigens in deutscher Sprache - veröffentlicht wurde. „Deus caritas est“ („Gott ist Liebe“) lautet der Titel. Das Thema ist Benedikt wichtig - immer wieder überarbeitete der Papst persönlich den Text.
Streckenweise poetisch stellt sich seine Enzyklika dar, intellektuell brillant. Er zitiert Nietzsche, streift Marx, - das Thema ist viel weiter gefasst, als der Titel allein es erwarten lässt: Liebe, Gottesliebe, Liebe zwischen Mann und Frau, Nächstenliebe. Am schönsten ist der Schluss, wo er über die reine, selbstlose Liebe spricht: „Sie ist das Licht - letztlich das einzige -, das eine dunkle Welt erhellt, und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt. Die Liebe ist möglich, und wir können sie tun, weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind.“ Das ist der Kern der christlichen Botschaft in drei Zeilen. „Schöner geschrieben findet man das nur in der Bibel“, sagte dazu gestern ein Beobachter. Die theologische Grundlegung im ersten Teil geht aus von der spezifisch jüdisch-christlichen Gottesvorstellung, dass Gott nämlich Liebe ist und sich dem Menschen personal zuwendet. Das hat, wie man es aus den Schriften des Kardinals Ratzingers kennt, Auswirkungen auf das Menschenbild: Der Mensch ist, so Benedikt, nach der Bibel Ebenbild Gottes nur in der Polarität von Mann und Frau. In der Zuwendung zueinander verwirklichen beide die Befähigung zur Liebe.
Der Papst unterscheidet nach den griechischen Begriffen „agape“ (für die personale Zuwendung) und „eros“ (für die sexuelle Liebe). Aber statt sie voneinander zu trennen, stellt er gerade beides als Dimensionen der einen Liebe dar und betont, je mehr die beiden Dimensionen miteinander verbunden würden, „desto mehr verwirklicht sich das wahre Wesen von Liebe überhaupt“. Diese positive Bewertung der Sexualität hat die kirchenkritische Bewegung „Wir sind Kirche“ gestern ausdrücklich begrüßt: Sie sei „ein zukunftweisender Schritt“.
Überraschend belässt es der frühere Theoretiker Ratzinger nicht bei der theologischen Erörterung. Mit dem Verweis auf die biblische Gleichrangigkeit von Gottes- und Nächstenliebe entwickelt Benedikt im 2. Teil des Lehrschreibens konkrete Verwirklichungen. Die personale Zuwendung zum Mitmenschen sei der unmittelbare Auftrag an jeden einzelnen. Aber die Nächstenliebe gehöre auch zum fundamentalen Verständnis des Dienstes der Kirche als Gemeinschaft. Und: In der tätigen Nächstenliebe dürften sich Christen nicht raushalten aus der Suche nach einer gerechten Gesellschaft, sich aber andererseits auch nicht in der Politisierung verlieren. Der „Liebesdienst“ der Christen sei etwas anderes als staatliche Sozialversorgung. Und er sagt auch, Augustinus zitierend: Der Staat, der keine Gerechtigkeit sucht, ist nur eine Räuberhöhle. Nicht wenige sahen darin gestern einen brandaktuellen Bezug. Zentralkomitee der Katholiken und Deutscher Caritasverband bewerteten die Enzyklika denn auch als Unterstützung ihres Wirkens.
Für die karitative Tätigkeit der Kirche hebt Benedikt auch einen ökumenischen Aspekt hervor: Er versichert „die Bereitschaft zur Zusammenarbeit“ mit den diakonischen Organisationen anderer Kirchen. Für „eine Entwicklung der Welt zum Besseren“ sei die gemeinsame Stimme der Christen und ihr gemeinsamer Einsatz nötig. (EB / dpa) |
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