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In Istanbuls griechisch-orthodoxen Gemeinden wird alljährlich das Osterfest gefeiert. Nur feiern immer weniger Gläubige mit. Die, die in den Kirchen Platz nehmen, werden immer älter, Junge kommen nicht nach. Das habe Methode, sagen einige orthodoxe Griechen und verdächtigen den türkischen Staat, den Niedergang ihrer Gemeinden zu betreiben. In den Kirchen gewinnt die Osterbotschaft von Auferstehung und Hoffnung da ganz besondere Bedeutung.
Von Jörg Pfuhl, ARD-Hörfunkstudio Istanbul
Fast sein ganzes Arbeitsleben, 35 Jahre lang, hat Pater Dhosithéos in Deutschland verbracht, als Chemiker bei Hoechst. Doch vor drei Jahren kam er zurück in das Land, in dem er geboren wurde, in die Türkei. In Istanbul, dem einstmals griechisch beherrschten Konstantinopel, half er zunächst im ökumenischen Patriarchat bei der Öffentlichkeitsarbeit. Mittlerweile hat er die Priesterweihe, und deshalb wird die kommende Ostermesse für Pater Dhosithéos eine ganz besondere sein: "Das erste Mal werde ich eine solche Messe lesen. Jetzt bin ich selbstständiger Pfarrer einer Gemeinde, und ich hab da schon ein bisschen Skrupel." Schließlich sei die orthodoxe Messe recht kompliziert, ein Dialog zwischen dem Pfarrer und den beiden Chören.
Eine Woche lang Ostern
Ostern ist für die Orthodoxen das mit Abstand wichtigste Fest. Es erstreckt sich im Grunde über eine ganze Festwoche. Man verbringt diese Woche traditionell dort, wo man herkommt. Und deshalb wird die riesige Evangelístria-Kirche des Paters mit ihren 800 Plätzen wenigstens an Ostern vielleicht zu einem Viertel gefüllt sein. "Es gibt sehr viele Griechen, die aus dieser Gegend nach Griechenland gegangen sind. Und viele kommen zurück, um diesen Tag zu feiern", erzählt Dhosithéos. 200 Menschen erwartet er dann in seiner Kirche. Sonst sitzen ihm sonntags nur 25 Gläubige gegenüber.
Die Kirche von Pater Dhosithéos steht im Istanbuler Stadtteil Dolapdere, einem ziemlich rauhen Viertel, in dem überwiegend Kurden und Roma wohnen. Letztes Jahr hat jemand die beiden Glocken der Kirche geklaut, 200 Kilo schwer, ein Geschenk von Zar Alexander II. Die Diebe wussten wohl, dass die russischen Glocken aus einer Mischung von Blei, Kupfer und eben Gold gegossen waren.
Weder Feuerwerk noch Freudenschüsse
Und weil Dolapdere ein etwas schwieriges Pflaster ist, wird nichts von dem stattfinden, was etwa in Griechenland das Osterfest auszeichnet: große Karfreitags-Prozessionen durch die Straßen oder gar öffentliche Freudenfeste mit Feuerwerk und Schüssen in die Luft zur Feier der Auferstehung Jesu. Pater Dositheos steht dazu: "Ich mache es viel verhaltener. Einmal, weil es meine Überzeugung ist. Man kann seine Freude auch anders äußern als herumzuschießen. Außerdem ist die Gegend zu gefährlich. Hier wird oft geschossen - und womöglich schießt jemand zurück."
Vergiftetes Verhältnis der Völker
Istanbuls griechisch-orthodoxe Gemeinde hält sich bedeckt, unauffällig. Sie zählt nur noch zwei- bis dreitausend Seelen, und zumeist sind es Alte. Zwar waren die Griechen Istanbuls von der ethnischen Säuberung, dem so genannten Bevölkerungsaustausch der 20er Jahre zwischen der Türkei und Griechenland ausgenommen. Doch der Krieg zuvor hatte das Verhältnis der Völker vergiftet. In den 40er Jahren trieb der türkische Staat die Nicht-Muslime mit speziellen Steuern aus dem Land. Es folgte ein Pogrom gegen die Griechen Mitte der 50er.
Der Journalist Mihail Vasiliadis gehört zu den wenigen verbliebenen Griechen Istanbuls. "Man hat gegen die Minderheiten in der Türkei eine Waffe eingesetzt, deren Verletzungen man nicht mehr heilen kann: Man hat das öffentliche Bewusstsein vergiftet und so die Gesellschaft gegen die Minderheiten aufgebracht", sagt er.
Zum Aussterben verurteilt
Eine große Vergangenheit, eine traurige Gegenwart und womöglich keine Zukunft. Die griechisch-orthodoxe Gemeinde scheint in der Türkei zum Aussterben verurteilt. In den Schulen der orthodoxen Gemeinde gibt es keine Kinder mehr. In die großen Kirchen kommen nur noch wenige Alte. Vor 36 Jahren hat der türkische Staat die Priesterschule des Patriarchats zwangsweise geschlossen. So haben Istanbuls orthodoxe Popen heute überwiegend das Rentenalter erreicht, die Mehrzahl der Bischöfe ist sogar weit über 70. Nachwuchs aus Griechenland zu rekrutieren ist aber ebenfalls verboten: Die Türkei vergibt an Geistliche aus dem Ausland keine Arbeitsgenehmigung.
Ostern auf dem Rückzug
Otmar Oehring, Türkeikenner beim katholischen Hilfswerk missio, weiß nicht, ob in ein paar Jahren noch Ostern in Istanbul gefeiert wird. "In zehn oder 15 Jahren könnte das Ende dieser Kirche in der Türkei gekommen sein - auf biologischem Wege", sagt er. Aus Sicht von Meliton, Metropolit von Philadelphia und im Patriarchat von Konstantinopel so etwas wie der zweite Mann gleich hinterm Patriarchen, hat das Methode. "'Die Türkei den Türken` - das ist eine Geisteshaltung. Als Christen fühlen wir uns hier nur als Bürger zweiter Klasse."
Pater Dhosithéos findet trotz allem, dass die frohe Osterbotschaft von Auferstehung und Hoffnung auf seine Gemeinde passt. "Die Tage nach dem Tode Jesu, das war eine totale Hoffnungslosigkeit. Und plötzlich kommt die Nachricht: Er ist auferstanden, und dann erscheint er! Das heißt: Selbst in der tiefsten Depression einer Gemeinde gibt es immer noch Hoffnung."
Stand: 15.04.2006 04:09 Uhr |
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