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VON GERD HÖHLER, 12.08.06, 07:00h
Vor vier Wochen hatte die türkisch-israelische Parlamentariergruppe in der Großen Nationalversammlung in Ankara noch 284 Mitglieder. Jetzt sind es 67. Seit dem Beginn der israelischen Angriffe auf den Libanon haben 217 Abgeordnete die Gruppe verlassen. Einer von ihnen ist Kemal Anadol, Fraktionssprecher der oppositionellen Republikanischen Volkspartei. Mit einem Land wie Israel könne es keine Freundschaft mehr geben, sagt der Politiker.
Freundschaftliche Gefühle empfanden schon vor der jüngsten Nahostkrise ohnehin nur wenige Türken für Israel; ihre Sympathien gehören überwiegend den Palästinensern. Jetzt aber gehen sie nicht nur fast täglich zu Tausenden gegen Israels Krieg im Libanon auf die Straße. In den Protesten werden auch antisemitische Töne angeschlagen: „Jetzt verstehen wir Hitler besser“ hieß es bei einer Anti-Israel-Demo.
So etwas klingt alarmierend in einem Land, das keine antisemitische Tradition hat, sondern, im Gegenteil, verfolgten Juden immer wieder Zuflucht bot. Ende des 15. Jahrhunderts flohen Hunderttausende spanische Juden vor der Inquisition. Im Osmanischen Reich fanden viele Aufnahme sowie religiöse und kulturelle Freiheit. Während der Nazi-Diktatur nahm die Türkei erneut Tausende jüdische Emigranten aus Deutschland und Österreich auf. Viele wanderten von dort später nach Israel aus. Heute leben etwa 25 000 Juden in der Türkei.
Sie fühlten sich in der Vergangenheit hier sicherer als in irgendeinem anderen islamischen Land. Antisemitische Hassparolen islamischer Fundamentalisten, wie des religiösen Fanatikers Necmettin Erbakan, des politischen Ziehvaters des heutigen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan, fanden in der türkischen Bevölkerung kaum Resonanz. Verunsicherung und Angst lösten in der jüdischen Gemeinde dann aber die Anschläge islamischer Terroristen auf zwei Istanbuler Synagogen 2003 aus, bei denen 23 Menschen getötet und über 300 verletzt wurden. Als ein weiteres Alarmsignal galt vielen türkischen Juden, dass sich in den vergangenen Jahren Hitlers „Mein Kampf“ in der Türkei zu einem Bestseller entwickelte.
Auch die politischen Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem haben bereits gelitten. Zwar verbindet die Türkei und Israel seit zehn Jahren eine enge Zusammenarbeit auf dem Rüstungssektor; auch die Geheimdienste kooperieren intensiv. Doch seit in Ankara der gewendete islamische Fundamentalist Erdogan regiert, hat sich das Klima merklich abgekühlt, Rüstungsgeschäfte wurden auf Eis gelegt.
Bereits vor zwei Jahren sorgte Erdogan in Jerusalem für Empörung, als er Israels Vorgehen im Gazastreifen öffentlich als „Staatsterror“ brandmarkte. Eine Charakterisierung, die jetzt Mehmet Elkatmis, der Vorsitzende der Menschenrechtskommission des türkischen Parlaments, wiederholte, der den gewagten Vergleich zog: „Man hat den Eindruck, dass Israel hier unschuldigen Menschen den Schmerz des Holocaust zufügt. Israel wird eines Tages dafür bestraft werden, denn dies ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.“
Unterdessen treibt der Antisemitismus, der zumindest der türkischen Elite bisher fremd war, absonderliche Blüten. In Istanbul hätten sich Ladeninhaber geweigert, jüdische Kunden zu bedienen, berichtete die Zeitung „Turkish Daily News“, in der Touristenhochburg Antalya seien israelische Urlauber gemobbt worden. Verschwörungstheorien machen die Runde: Teile der türkischen Presse spekulieren, der Verleger Rupert Murdoch, Sohn einer jüdischen Mutter, verfolge mit dem Kauf des türkischen Fernsehsenders TGRT den Plan, „den Zionismus in Anatolien zu verbreiten“.
http://www.ksta.de/html/artikel/1154434440738.shtml |
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