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| Anmeldungsdatum: 22.10.2005 |
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Dr. Rafael Seligmann ist Schriftsteller und Journalist.
„Können Sie sich mit der Gewaltpolitik Israels identifizieren, die nicht einmal davor zurückschreckt, Wohnhäuser zu bombardieren, in denen Frauen und Kinder leben und so bewusst zivile Opfer in Kauf nimmt?“
Jeder deutsche, jeder europäische Jude kennt diese Frage. Sie ist eine Identifikationsfalle. Denn nur wenn man Zions Politik in Bausch und Bogen verdammt, gilt man als „guter Jude“. Oder man spricht aus, dass Israel wie jeder andere Staat auch das Recht auf Selbstverteidigung besitzt – wie würde Deutschland reagieren, wenn Frankfurt mit Raketen beschossen würde? – und mahnt eine objektive Beurteilung an. In diesem Fall identifiziert man sich mit Israel und leistet dem Vorurteil Vorschub, alle Hebräer steckten unter einer Decke, der zionistischen.
Zionismus aber gilt seit 1968 bei so genannten fortschrittlichen Kreisen als Synonym für Aggression. Zeitweilig verdammten sogar die Vereinten Nationen „Zionismus als Rassismus“. Wer möchte schon als Rassist gelten – zumal in Europa, der Heimat des Kolonialismus und des Faschismus? Also übt man weiterhin rechtschaffen Kritik am Zionismus. Hauptvorwurf: Der Staat Israel sei durch Gewalt entstanden.
Das ist wahr. Hier fehlt allerdings die Einsicht, dass jeder Staat durch Gewalt geschaffen wurde. Die friedliche Schweiz ebenso wie die Großmächte Russland, Großbritannien, USA, China. Warum aber konzentriert sich dann die Kritik ausschließlich auf Israel? Sind dessen Nachbarn, Militärdiktaturen, autoritäre Diktaturen, absolutistische Monarchien, Mullahkratien humaner, friedlicher, demokratischer als Zion?
Nein, lautet die Antwort. Aber an Israel legen wir andere Kriterien an. Schließlich hätten die Juden aus Auschwitz lernen müssen, wohin Gewalt und Menschenverachtung führten. Dabei wird klammheimlich unterschlagen, dass die Juden in Auschwitz erfahren mussten, dass Wehrlosigkeit Gewaltregime zur Vernichtung der Schwachen reizt.
Israel ist von Staaten mit Regierungen umgeben, die Vernichtungspolitik betreiben oder verkünden, siehe Iran, Irak, Sudan, Syrien. Deren Politik und Kriege richtete sich zunächst gegeneinander. Israel blieb der abstrakte kleine Satan, das Alibi des gemeinsamen Kampfes. Der Staat Israel begeht Fehler wie jeder andere, und mehr noch, seine Politik ist angesichts feindseliger Nachbarn, die seine Vernichtung anstreben, zu statisch und phantasielos. Die Errichtung eines palästinensischen Staates ist längst fällig. Die dabei entstehenden Risiken sind wohl geringer als ein Zuwarten, das den Radikalen Auftrieb und Zulauf beschert.
Von gänzlich anderer Qualität ist die Ablehnung des Zionismus. Denn ihre Konsequenz bedeutet die Verweigerung eines Lebensrechtes für den jüdischen Staat. Israel und dessen Politik verdienen Kritik, doch darf sie nicht einem Sondermaßstab unterliegen. Israel darf nicht alleine an dem Gebot des Juden Jesus gemessen werden, bei einem Schlag die andere Wange hinhalten zu müssen. Die Konsequenz wäre eine Verurteilung zur Wehrlosigkeit und damit zur Vernichtung.
Eine einseitige Verunglimpfung Israels, wie sie der norwegische Autor Jostein Gaarder mit seiner Behauptung: „Über zweitausend Jahre hinweg haben wir die Lektionen des Humanismus gelernt, aber Israel hört nicht“, ausspricht, ist schlicht Antisemitismus.
Was haben die Völker während der Kreuzzüge gelernt, als Hunderttausende Moslems und Juden abgeschlachtet wurden, was im 30-jährigen Krieg, was beim Niedermetzeln von Indianern, Schwarzen, Kambodschanern und unzähligen anderen?
Herr Gaarder sitzt gegenwärtig hoch auf dem moralischen Ross. Er sollte aufpassen, dass es ihm dabei nicht ergeht wie seinem Schriftsteller-Kollegen Günter Grass. Dieser wähnte sich als Gewissensapostel. Grass mahnte Deutsche und Israelis zur puren Moral. Er selbst aber wurde diesen Maßstäben nicht gerecht und entpuppt sich nun als Heuchler, nicht weil er sich als 17-Jähriger zur Waffen-SS meldete, sondern weil er dies verschwieg und sich anderen gegenüber als moralischer Scharfrichter gebärdete.
Die Juden sind weder das Gewissen der Welt noch ihr Abfalleimer. Gaarder und seine Geistesbrüder mögen denken und schreiben, was sie wollen, sie sollten jedoch zumindest den Mut der Herren Goebbels und Ahmadinedschad besitzen und sich offen zu ihrer Judenfeindschaft bekennen.
http://www.rhein-main.net/sixcms/list.php?page=fnp2_news_article&id=3145455 |
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